
Wie du zu meiner Musik immer die richtigen Bilder parat hast. Wie du dich wintertags manchmal in deine Depressionen steigerst, ich empfinde Zärtlichkeit, wenn ich dich so sehe. Ich möchte dich in meine Arme nehmen, während du dich vor mir ausbreitest, versuchst, so auszusehen, als jucke dich nichts mehr, als hättest du dir alles so wund gekratzt, sodass es auch schon egal ist. Und wie du dich am Ende doch ärgerst, deine Narben in die Sonne streckst, wenn sie im Frühling wiederkommt. Wie du dich sommertags an dir selbst stößt, mir in den Nacken pustet und mich erkennst. Wie du mich weckst und wieder in den Schlaf schnurrst. Wie du schaust, wenn ich nach langer Zeit zurückkomme, wie du dann schon da liegst und den Geruch parat hast, der nur du bist und unverwechselbar. Und ich liebe an dir, dass du niemals ausmachst, dich nicht abschaltest, permanent tickst, du atmest immer - ich brauche nicht horchen, ich brauche keine Angst haben, du hältst nicht einmal die Luft an, wenn das Wasser dir bis zur Stirn steht, diese Spielchen sind nichts für dich. Du bist halt so und entschuldigst dich hin und wieder dafür. Bist dir manchmal selbst peinlich, wenn du entrückt die Bahnen verlässt, die Brücken über den Löchern und Flüssen zusammenbrechen lässt. Ich höre dich kichern nachts über unser Stolzieren und diese Attitüden. Ich mag es, wie du klingst, wenn man dich in Ruhe lässt. Und wie du dich wehrst, wenn man dich in Beschlag nimmt. Deine Schwächen und dass man dich anschreien muss, damit du nicht glaubst, es wären Stärken. Wie du dich im Frühling wiederfindest, während du im Herbst neue Seiten an dir entdeckst, dich immer wieder wundern kannst und dennoch abgeklärt in die Weltgeschichte rülpst. Du nimmst mich an der Hand und lässt sie nicht los, nicht einmal, wenn ich zerre. Du lässt mich nicht gehen, du drehst mich um, schaltest die Ampeln auf Rot, zwingst mich, dich anzuhören - ich hatte noch nie das Gefühl, ich sei dir egal. Und wenn wir uns streiten, dann wird der Blick nicht kalt, dann wird es mitunter laut und heftig, aber wir verlieren dabei nicht den Respekt. Manchmal vergesse ich zwar, dich zu vermissen. Aber das geht auch immer wieder vorbei. Du hast mich noch nie im Stich gelassen.
Und an deinem Weitblick arbeitest du. An den Barrikaden und Wänden. Manchmal putzt du dich heraus, damit ich mich in dir spiegeln kann, mir den Pony wieder in Ordnung bringen, die Mine zurechtrücken - du kennst mich, du weißt, wie ich auszusehen habe. Du gibst dir wirklich Mühe, kleine Stadt.

Liz hat es verfasst, und zwar am 2. Juli 2008 um genau 22:38 Uhr.
Kategorie : Berlin | 2 Kommentare

“[…] This person suddenly feels the need to check her post office box. It is an old habit, and even if everything is going to be terrific from now on, this person still wants mail. This person says she´ll be right back and everyone this person has ever known says, Fine, take your time. This person gets in her car and drives to the post office and opens the box and there is nothing. Even though it is a Tuesday, which is famously a good day for mail. This person is so disappointed, this person gets back in the car and, having forgotten about the picnic, drives home and checks the voice mail and there are no messages, just the old one about “passing the test” and “life being better”. There are no e-mails, either, probably because everyone is at the picnic. This person realizes that staying home means blowing off everyone this person has ever known. But the desire to stay in is very strong. This person wants to run a bath and then read in bed. […]”
(Aus “No one belongs here more than you” von Miranda July, Scribener 2007)
Liz hat es verfasst, und zwar am 30. Juni 2008 um genau 22:53 Uhr.
Kategorie : Lektüre | 2 Kommentare

Damals war ich angekommen, als ich mich zurücklehnen konnte in dem Gefühl, nichts zu verstehen. Die Dinge beobachten, nicht mehr versuchen zu folgen, es einfach aufgeben und manchmal aufschauen, wenn ein paar Laute hinüberwehen, die gut klingen, die man vielleicht im Stillen ohne Ton im Mund versucht nachzuformen und die dem Original nicht ansatzweise Konkurrenz machen, wenn man sie doch mal laut ausspricht. Ich saß in Taipeh in diesem Café und war dort, weil ich nur zuhörte um des Zuhörens willen. Zwei Dinge sind dann immer sehr einfach. Sich in den eigenen Bauch zurückzuziehen, die Geschichte mit dem Treibholz wörtlich zu nehmen, jeden Gedanken auszureizen, an die Wand zu fahren, bis zu Ende zu gehen. Oder sich komplett abzuschalten. Funktionieren, ohne zu denken. Die Füße hochzulegen. Die Reize auf Augen und Ohren zu konzentrieren, während die Verarbeitung erst später beginnt, erst wenn auch die äußere Sprache wieder der inneren folgt. Und bis das passiert, saugst du nur auf, niemand drückt auf den Öffnen-Button, niemand zieht den Stöpsel und wenn man sich aus der Vogelperspektive betrachtet und ein bisschen Transparenz einschaltet, kann man sehen, wie man sich füllt, wie der Wasserstand steigt und alles in die Ecken fließt, die in letzter Zeit staubig geworden sind. Wie man sich ausräumt und umbaut, ohne etwas davon zu bemerken.
Können heut draußen bitte alle mal nur Chinesisch sprechen?
Liz hat es verfasst, und zwar am 30. Juni 2008 um genau 9:22 Uhr.
Kategorie : Blicke | 0 Kommentare
…wenn die Sonne rauskommt, sobald man am Meer steht. Und der Bachmannpreis an die Richtigen geht.
Liz hat es verfasst, und zwar am 29. Juni 2008 um genau 14:50 Uhr.
Kategorie : Lektüre | 0 Kommentare

Aus einem fahrenden Zug springen. An den großen Wasserfällen stehen. In einen Vulkan spucken. Fließend Spanisch sprechen. Ein Nordlicht sehen. Eine Frau küssen. Ein Iglu bauen. Ohne Gänsehaut Schnaps trinken. Tauchen gehen. Einen Olli stehen. Das Buch in der Hand halten. Ein Duett mit Matt Berninger singen. Surfen. Auf den Roque hoch laufen. Mich mit einem Elefanten abklatschen. Eine Rede halten. Meine Ungeduld abschaffen. Kopfstand können. Ein Gedicht auswendig lernen. Ein Kind bekommen. Mit geschlossenen Augen das Ziel aussuchen und sofort losfahren. Aus zehn Metern ins Meer springen. Jemanden retten. Eine Stunde im schnellen Tempo durchlaufen. Selber Autofahren. Ein Lied widmen. Stagediven. Ein Stück auf dem Klavier spielen können. Heiraten. Nach Wien fahren. Jemanden am anderen Ende der Welt wiedersehen. Den Vibrationsalarm an der Uhr ausschalten. Eine Platte aufnehmen. Eine Etagentorte backen. Ein Kleid nähen. Weinen vor Glück. Briefe schreiben an alle, die mir wichtig sind oder einmal waren. In einem Doppeldeckersegelflugzeug fliegen. Eine Sektpyramide aufgießen. Einen Grundstein legen. Transsibirische Eisenbahn fahren. Meine Leberflecke zählen lassen von einem, der sie sich merkt. Meinen Großvater im Eisessen schlagen.
Liz hat es verfasst, und zwar am 23. Juni 2008 um genau 23:33 Uhr.
Kategorie : Moi | 2 Kommentare

Wie man im Mund noch die beiden Konsistenzen auseinander halten kann, das Flüssige, den Saft und dazwischen die winzigen Überbleibsel der Frucht. Und wenn man die Zunge an den Gaumen drückt, bleiben ein paar Fasern zurück. Die Säure ist nur zu erahnen, die Süße klebt ein wenig, aber rutscht langsam in den Bauch und mit einem Schluck Mangosaft bin ich meistens wieder auf dem Balkon im vierten Stock in Puerto Naos, wo wir saßen und auf den schwarzen Sand schauten, auf das Meer, das nicht blau sondern meistens weiß war, weil die Sonne sich darin hundertfach spiegelte, blendete, sich in der weißen Wäsche auf dem weißen Dach noch einmal reflektierte und am Strand verschluckt wurde.
Wir saßen an dem großen Holztisch, um uns herum Kakteen und Aloe, das Aquarium mit den drei kleinen Schildkröten, die man den ganzen Tag mit ihrem Refugium hin und her schieben musste, weil die Sonne wanderte und sie sonst ausgetrocknet hätte. Die orange-rote Markise, die beim ersten Anzeichen von Sturm eingeholt werden musste mit der quietschenden Kurbel. Mit einem Schluck Mangosaft bin ich wieder bei dem Geräusch der Badelatschen auf der Steinpromenade, den handtellergroßen Kakerlaken am Abend, die in den Ritzen der Mauer zum Strand verschwanden, und bei dem Sonnenuntergang, der mit den Palmen davor aussah wie von einem dieser Pärchenplakate in den Mädchenzeitschriften. Weichgezeichnet in rosa und lila.
Ich stehe wieder am Fuße der Berge, über die die Wolken wie eine Lawine aus Schlagsahne schwappen, zwischen den Pinien mit ihrem erlösenden Schatten und mit nackten Beinen im Schnee, während sich unten das Meer in den Abend funkelt. Und wir sitzen auf der Bank unter einer der wenigen Laternen auf der Klippe über dem Ort, wo ich das erste Mal geküsst wurde, von wo aus wir Kiesel ins Meer warfen und ihren Aufprall nicht mehr sehen konnten. Ich esse wieder Churros auf der Mauer vor dem großen Hotel, die es nicht mehr gibt, weil das Meer unablässig an der Insel frisst, aber die es damals gab und wenn der Wind gut stand, spritzte das Wasser uns bis ins Gesicht.
Das Geräusch, das die Paraglider über dem Ort machten und das Surren des kleinen Kühlregals im Supermarkt mit den orangefarbenen Tüten. Die Stille der Nachmittage, die nur das Schnurren der Katze und Flappen der Markisenwimpel im Wind begleitete. Wie am Abend die Menschen wieder aus den Häusern kamen und schnatterten auf der Promenade in den Plastikstühlen. Wie sich am Morgen erst die Kiesel unter den Füßen und dann der feste Schaumstoff des Schwimmbretts am Bauch anfühlten, während eine Welle über einem zusammenschlug. Ein Schluck Mangosaft und ich möchte aus frischen, reifen Avocados das Fleisch herausschälen direkt auf die riesigen Brötchen, dazu Manchego mit drüber geriebenem Knoblauch. Ich will dabei die kalten Fliesen an meinen Füßen und den salzigen Film auf meiner Haut, die auch nachts noch nach Sonne roch. Den Geruch von Papaya, Orangen und den kleinen Bananen aus dem Hain am Berg. Durch die Cumbrecita wandern, mich von Eseln begleiten lassen, an einen Drachenbaum lehnen und durchatmen. La Palma und ein Schluck Mangosaft.
Liz hat es verfasst, und zwar am 21. Juni 2008 um genau 10:53 Uhr.
Kategorie : Blicke | 0 Kommentare
Und dann lag da das Blatt Papier vor einem, von dem man geredet hat, seit man schreiben kann. Und just in diesem Moment zucken all die kleinen Vergangenheiten auf einmal im Kopf, die Momente, in denen man so lapidar und dennoch euphorisch vor sich hin geträumt hat, alles weit weg, alles irgendwann. Und dann ist das Irgendwann plötzlich da, die Hand lässt sich verunsichern und man fragt sich ja doch, ob man sich pathetische Mühe geben sollte, wenn man dieses Mal seinen Namen schreibt. Die Coolness aber hat Ferien und am Ende wird doch nur unsouverän der Name gekrakelt. Auf der Sparkassenkarte sieht das schöner aus. Und anders als erwartet ist die Lautstärke der Euphorie, sie brüllt nicht und tanzt nicht auf der Kreuzung, aber sie ist da, hat sich festgekrallt in der Schulter, flüstert ganz deutlich und man kann sie hören, wenn man am Abend auf dem Balkon steht und die Sonne untergehen sieht, den Himmel in Aquarell und es nicht fassen kann. Das ist alles echt und passiert.
Liz hat es verfasst, und zwar am 18. Juni 2008 um genau 9:24 Uhr.
Kategorie : Moi | 3 Kommentare
Wir sollten alle viel öfter Wolke hören. Viel mehr rote Sprudellimonade trinken. Viel öfter Blumen gießen. Dem Rätsel der Staubflusen auf den Grund gehen. Rausfahren. Wir sollten viel mehr Eis mit den Fingern essen, bevor es runterfällt. Ehrlich sein. Wir sollten alle wirklich viel öfter aufstampfen. Die Zunge rausstrecken und küssen. Die Handgrößen abgleichen. Die Rinde vom frischen Brot zuerst essen und danach Schnittlauch auf das Mittelstück mit Butter streuen. Wir sollten alle viel öfter bei unseren Nachbarn Fußball gucken. Auf uns aufpassen. Bis an den Rand der Erschöpfung laufen. Wir sollten alle viel mehr da sein.
Liz hat es verfasst, und zwar am 17. Juni 2008 um genau 13:25 Uhr.
Kategorie : Blicke, Ton | 1 Kommentare
“Take all your reasons and take them away to the middle of nowhere. And on your way home throw from your window your record collection. They all run together and never make sense. But that’s how we like it and that’s all we want, something to cry for, and something to hunt” (The National - Looking For Astronauts)
Liz hat es verfasst, und zwar am 12. Juni 2008 um genau 21:40 Uhr.
Kategorie : Ton | 0 Kommentare
Man soll ja nicht einschlafen, wenn man auf der Frankfurter im Stau steht. Deswegen hat die Stadt hübsch ein paar saisonale Rätsel hingestellt. Wer mir sagt, was das ist, wird Held des Tages. Gilt aber nur, wenn gleich eine Bedienungsanleitung dazu geliefert wird.
New Yorker verkauft übrigens gerade Deutschlandröcke im Sonderangebot und bei Lidl gibt es Fußballeier.
Liz hat es verfasst, und zwar am 11. Juni 2008 um genau 23:03 Uhr.
Kategorie : Berlin, Fundstücke | 3 Kommentare