Drei Fragezeichen

Und R. fragte dann, als ich mich wieder beruhigt hatte, nachdem ich diese vier fünf sechs Löschwagen vor dem Haus der Freunde hatte stehen sehen, was ich denn mitnehmen würde, wenn die Flammen mich mal überraschten zuhause, zu welchen Dingen ich als erstes greifen, schnell einstecken und an was ich in der Panik und dem Schreck noch denken würde. Wahrscheinlich würde ich nach dem roten Buch greifen, dem ersten meines Lebens mit den schwarzweißen Bildern, dann nach dem Ordner mit den wichtigsten Dokumenten, der direkt daneben steht, und diese beiden Dinge kämen wohl in eine Tasche mit dem Laptop, das Telefon hätte ich wahrscheinlich eh in der Hose oder so. Und dennoch gab ich diese Antwort, weil es mich nicht betraf, weil ich Zeit hatte nachzudenken.Aber nimmt man etwas mit, wenn jemand “Feuer!” schreit? Hat man da die Nerven, zu überlegen, was wichtig sein könnte? Oder rennt man einfach?

Liz hat es verfasst, und zwar am 19. August 2008 um genau 17:30 Uhr.
Kategorie : Fragen | 6 Kommentare

 “The drinks in our hands keep us alive”

Sie sahen aus, als hätten sie keinen Spaß. Sie sahen aus, als sei das Einzige, was sie hier zu tun hätten, auszusehen und den Kopf immer so zu wenden, dass sie niemand verpasst und sie niemanden verpassen. Und die Gesichter glänzten, man stand so herum aneinander, schwitzte sich an, der Beat war gut und im hinteren Teil, da musste man nicht eh nicht gucken, deswegen auch kaum Licht, da musste man nur tanzen, alles verflüssigen. The Presets haben wir verpasst, der kalte Raum aber, der gehört wohl zum Etablissement, welches sich mir in seiner Logik nicht erschloss und G. sagte auch, man hätte das Geld, das die Bänke aus Eis gekostet haben mögen, auch in eine Belüftungsanlage stecken können. Und sie in dem weißen Nylon-Overall, sie tat mir so leid in diesem hautengen Ding, während uns in den kurzen Kleidern das Wasser schon die Schläfen herunterlief. Wie sie so durchhielt mit ihrer Hochsteckfrisur und der Typ vor ihr schon ganz gierig schaute, immer wieder mit dem Finge rüber ihren Nylon-Unterarm strich, als hoffte er, dass sie das Ding nicht ausziehen würde, wenn er sie mit nach Hause nimmt. Wir fanden den richtigen Moment zum Gehen, man weiß das ja immer nicht so genau, aber die Gestalten auf unseren Passfotos waren die einzigen im Laden, die von ganzem Herzen lachten. Die anderen sahen nur aus.

Liz hat es verfasst, und zwar am 16. August 2008 um genau 13:51 Uhr.
Kategorie : Blicke | 0 Kommentare

 Flugkorrekturen

J. sagte heute, das mit den eigenen Lebensentwürfen, wie man sie sich früher einmal zurechtgelegt hat, das sei wie mit der Taube, die vor uns über die Wiese stakste und flog, immer abwechselnd, während ein kleines Kind sie verfolgte. Man renne ihnen die ganze Zeit hinterher und je schneller man renne, desto schneller seien sie wieder davon geflogen. Und ich dachte, dass man vielleicht auch gar nicht wüsste, was mit der Taube anzufangen, wenn man sie dann doch mal erwischte. Weil man doch in diesen Haufen Vögel gesprungen ist, jedenfalls als man klein war, um sie auseinander fliegen zu sehen, durcheinander und völlig chaotisch und immer kleiner werdend am Himmel. Neben uns lag das kleine Stück Pappe mit ein paar Krümeln Erdbeerkuchen. Besteck hatten wir nicht. Ein dicker Mops mit einem rosa Halsband stolzierte alleine hinter dem Zaun entlang, mit dem Kopf wippend und ohne sich umzuschauen. “Wie ein alter Gentleman”, sagte J.

Liz hat es verfasst, und zwar am 14. August 2008 um genau 18:45 Uhr.
Kategorie : Blicke | 0 Kommentare

 Ein Gefühl. Ein durchsichtiges.

Manchmal legst du mir am Abend die Hand auf mein Ohr, vorsichtig, einen Finger auf der Schläfe. Und es kommt vor, dass du mir Türen öffnest genau im richtigen Moment. Meistens sagst du die Dinge so leise, dass ich denke, sie wären mir eingefallen, ich hätte sie gedacht. Zweimal im Jahr läuft mir jemand über den Weg, der sieht von hinten aus wie du. Wie früher. Aber du lehnst dich von hinten an mich, beschwichtigend. Und duckst dich, wenn ich mich umdrehe, um zu sehen, ob deine Haare weniger, grauer geworden und deine Hände aufgesprungen sind. Ich erwische dich nicht mehr, du wirst immer kleiner. Legst deine Spuren dennoch konsequent weiter, ohne dich blicken zu lassen. Seit vielen vielen Jahren.

Neulich fragte jemand, ob es etwas gäbe, dass ich von dir habe. Den Blick in den Rückspiegel vielleicht. Das Schweigen am Telefon manchmal. Aber ich sagte nichts und lachte und sah dich lachen im gleichen Moment und wusste, wir brauchen darauf keine Antwort mehr. Die Zeiten sind vorbei.

Liz hat es verfasst, und zwar am 13. August 2008 um genau 13:27 Uhr.
Kategorie : En Känsla | 0 Kommentare

 Variablen

Und wenn M. mir beim Abendbrot von den Projekten erzählt, von den großen und kleinen, und davon, wie sich die Dinge gerade verselbständigen, lernen, alleine zu laufen, und dass das alles hier nicht mehr dieser studentische Mist ist sondern Wirklichkeit, die man anfassen kann, wenn M. da ein bisschen in Fahrt gekommen ist, die Hälfte des Tellers schon leer gegessen hat und seine Hände wieder benutzen kann, weil der Hunger nicht mehr so drückt, dann bekommt er diese großen Augen, mit denen er dich anguckt, wenn er erzählt, als wolle er, dass du etwas sagst, dabei willst du gar nichts sagen, sondern einfach nur zuhören, weil man bei ihm immer das Gefühl bekommt, die Dinge erledigten sich schon allein dadurch, dass man über sie redet.

Liz hat es verfasst, und zwar am 11. August 2008 um genau 20:07 Uhr.
Kategorie : Blicke | 0 Kommentare

 Blindfelder

Es gibt diesen kleinen Bäcker in der Nähe der Modersohnbrücke. Einer von denen, die neu sind und von der modernen Allzwecksorte. Plastikschilder stehen vor der Tür, die Donuts sehen eingefallen aus, sowieso kommt das ganze Backwerk nicht aus den Händen derer, die da müde hinter der Theke stehen. Draußen auf dem Bürgersteig sind die Metallstühle mit orangefarbenem Überzug ordentlich angeordnet, kein Krümelchen auf dem Tisch und drinnen erwartet einen das Summen einer riesigen Kühltruhe mit Zuckerwasser. Die Regale sind nur halb gefüllt mit Kondensmilch, Nudeln, passierten Tomaten. Drei Packungen von jeder Sorte und dazwischen immer ein kleines Stück Platz. Die Wände sind orange gestrichen. Wischtechnik. Moderne Optik, nennt man das im Einrichtungshaus vielleicht. Anscheinend zu sehr für die meisten.

Und sie sitzt mit kleinen schwarzen Augen an einem der runden Metalltische im Innenraum. Unter den kleinen Blumentöpfen liegen Häkeldeckchen, vor ihr eine Frauenzeitschrift mit Kreuzworträtsel. Von draußen sieht sie aus, als würde sie eifrig schreiben, aber wenn man dann am Tisch vorbei zur Kasse geht, wo noch die Osterüberraschungseier stehen und Puffreis, sieht man, dass sie jedes Quadrat mit einem Muster ausgefüllt hat. Keine Worte, nur Kringel und Streifen, feine Linien an den Rändern. Kein “Dach der Mundhöhle”, kein “Tabakgebiet auf Sumatra”, nicht einmal die “Heimarbeit für die Schule”. Auch von den Brötchen gibt es nur zwei Stück pro Sorte. Denn: “Wenn leer is, is leer“.

Liz hat es verfasst, und zwar am 11. August 2008 um genau 9:44 Uhr.
Kategorie : Blicke | 0 Kommentare

 Liepnitzsee

Der Sand unter dem hellen an der Oberfläche ist braun gestreift und geht nicht einmal Stunden später in der Wanne so richtig weg. Kinder lernen hier schwimmen. Einem selbst kam die Entfernung zur Insel vor wie eine Ewigkeit, als man noch kleiner war. Die Überwindung war Triumph, das Ziehen in den Lungen die Belohnung. Jetzt steht man da und schaut auf das vom Wind rauhe Wasser, misst mit dem Daumen die Entfernung, während sich eine Ente neben dich stellt und sagt: “Ach komm”. Mit vorwurfsvollem Blick. Das Geräusch von Luftmatratze an Haut, dazu Bäume, deren Name ich nicht kenne. Und unter den Wurzeln klebt kein Preisschild mehr. Wir spielen das Kartenspiel aus den Jahren mit der Ewigkeit. Und dann müssen wir schon wieder los. Aus dem Alter sind wir raus.

Liz hat es verfasst, und zwar am 9. August 2008 um genau 19:49 Uhr.
Kategorie : Berlin | 0 Kommentare

 Left & Leaving

(Palast der Republik, August 2008. Wer hätte das gedacht?)

Liz hat es verfasst, und zwar am 7. August 2008 um genau 12:59 Uhr.
Kategorie : Berlin | 1 Kommentare

 Fellzeichnung

Ich wusste nicht, was es war, als sich der Mann vom Radio am Morgen verabschiedet hatte. Die ganze Zeit schwankte mein Blick zwischen seinen beiden Augen hin und her, das eine sah aus, als wäre es blind. Und ich hatte nicht die Courage zu fragen. Seine Schuhe wollte er schon im Hausflur ausziehen. Er könne sie anlassen, sagte ich. Also machte er einen Schritt über die breite Schwelle, den einen Klettverschluss hatte er nicht mehr richtig befestigt, der baumelte jetzt so herum. Und als er in der Wohnung stand, beugte er sich wieder hinunter, während ich an ihm vorbeiging. “Du kannst die Schuhe wirklich anlassen.” - “Auch hier drinnen?” - “Auch hier drinnen.”

Ich hatte schon Milch aufgesetzt und fragte ihn, ob er auch einen Kaffee wolle. Und dass ich eine Art Milchkaffee machen würde. Also Espresso mit heißer Milch. Ich wüsste aber die genauen Abmessungen nicht. “Ach. Deswegen nur eine Art.” - “Ja. Deswegen. Und die Batterien vom Milchaufschäumer sind fast leer.” Er schaute sich mit großen, in verschiedene Richtungen blickenden Augen bei uns um, im großen Flur, der in die Küche übergeht. Das sei so groß, wir würden sicherlich nicht viel zahlen. Und ich überlegte, wie er eigentlich hieß. Den Kaffee lobte er über alles, ich stellte beim Trinken einen Fuß auf dem Stuhl ab und er wusste nicht ganz, wohin mit seinen Händen. Es war so warm, ich schwitzte und war ungeschminkt, blass unter den Augen. Die morgendliche Joggingrunde saß mir noch in den Knochen, dabei waren wir extra früh los und ich hatte das Gefühl, auch bei der halben Runde noch nicht wirklich aufgewacht zu sein. Sie war hingefallen, hat sich das Knie aufgeschlagen, da hatten wir die Halbinsel schon umrundet – da klopfte mein Herz an diesem Tag zum ersten Mal spürbar. Und jetzt erzählte ich ihm was über meinen Job und warum ich zuhause arbeitete und wusste schon, dass ich an diesem Tag nichts von diesen Dingen mehr tun würde, denn der Schmerz hinter meiner Stirn breitete sich langsam aus, anstatt wie sonst bei Kaffee einfach zu gehen. Die Sonne fiel knapp an unserem Fenster vorbei, ich nahm die kleine Pflanze im gelben Topf trotzdem vom Fensterbrett. Ich trug nur Shorts und ein Unterhemd, es war mir egal. Ich pulte mir unter den Fingern Argumente für ein Home Office hervor, ich versuchte lustig zu sein und er lachte und lobte wieder den Kaffee. Eine Art Milchkaffee. Also redeten wir, er hielt mir ein gepolstertes Mikrofon vor die Nase dabei und ich versuchte, mich nicht zu versprechen. Dachte, meine Sätze seien wie immer zu lang.

“Ich würde gern noch ein bisschen Atmo aufnehmen. Könnten wir mal rüber gehen in dein Zimmer, wo du auch arbeitest?” - “Sicher doch.” - “Dann lauf doch jetzt mal ein bisschen barfuß herum.” Und ich lief und er krabbelte auf Knien neben meinen Füßen her, sodass ich dachte, man würde am Ende nur seine quietschende Hose hören und nicht meine Schritte. Ich tippte also ein bisschen, ließ mich einmal anrufen und sagte Hallo und dass es jetzt gerade schlecht sei. Ich schob Papier herum und öffnete die Balkontüre. Dann wollte er noch einmal meine Toilette benutzen und ich schloss die Balkontür wieder. Ich spürte jedes der dreißig Grad in meinen Schläfen. Und ich wusste nicht, warum, als ich die Tür schloss und den Mann vom Radio die Treppen hinuntergehen hörte. Das Bild vor meinen Augen verschwamm, vielleicht sah so auch sein Blickfeld aus, wenn er sich nicht konzentrierte, denn ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie es war, als ich noch geschielt habe als Kind. Ich durfte mir nur immer die bunten Pflaster aussuchen, die mir später auf das eine Auge geklebt wurden. Aber es gab nicht immer welche mit Bildern. Und dahinter war es dunkel, die Wimpernränder stießen immer an, wenn man versuchte, das Auge zu öffnen. Ich hielt meine rechte Hand über mein linkes Auge, der Handballen passt gut in die Vertiefung im Gesicht. Und ich drückte zu. Für einen kurzen Moment ließ das Pochen in den Schläfen nach, wurde zu einem Druck aus vielen kleinen bunten Punkten, die tanzten, schwirrten. Netzhautflüssigkeit, das weiß ich, das hat mir mal jemand erklärt. Vielleicht die Sesamstraße. Die bunten Punkte blieben vereinzelt noch bis in den Abend. Später hatte das Innere meines Körpers die Temperatur draußen um neun Grad überholt. Ich lehnte mich zurück und wusste nicht, was es war. Auf dem Pflaster hätte ich gerne ein Reh.

Liz hat es verfasst, und zwar am 4. August 2008 um genau 17:58 Uhr.
Kategorie : Blicke | 4 Kommentare

 Wasserwürste

Es gibt Dinge, zu denen man nix sagen kann. Nur den Kopf schütteln. Nur traurig sein, dass gerade keine Leute drin sitzen, die das Ding wirklich benutzen. Die man dann anschauen und sich merken könnte. Für später. Man begegnet sich ja immer zweimal und so.

Liz hat es verfasst, und zwar am 31. Juli 2008 um genau 19:32 Uhr.
Kategorie : Fundstücke | 3 Kommentare


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